ZDF Abenteuer Wissen: Walforschung auf den Azoren

30. Dezember 2009 | Von | Kategorie: Azoren

ZDF: 03.01.2010:

Wale im Fadenkreuz von Harpune und Objektiv

Die Gewässer rings um die Azoren sind regelmäßig Ziel zahlreicher Wale, insbesondere von Pottwalen auf ihrem Zug durch den Atlantik. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Jagd auf die Riesen der Meere hier eine lange Tradition hat. Waren die früher das Ziel von tödlichen Harpunen, befinden sie sich heutzutage im Visier ganz anderer Geräte: von Video- und Fotokameras – und selten von Luftdruckgewehren der örtlichen Meeresbiologen.

Die Frage, warum sich die Wale ausgerechnet den der Azoren als Treffpunkt auserkoren haben, ist relativ leicht zu beantworten. Durch die in dieser Gegend herrschenden Meeresströmungen bietet sich den Tieren ein reichhaltiges Nahrungsangebot, das ihnen in dieser Fülle erst wieder in den Polarmeeren zur Verfügung steht. Möglicherweise nutzen die Meeresriesen die Inselgruppe auch als Orientierungspunkt – eine Theorie, die, wie so vieles rings um die Wale, noch nicht bewiesen ist.

Der Walreichtum dieser erklärt natürlich auch das frühe Erscheinen von Walfängern auf den Azoren. Doch kurioserweise nutzen im frühen 19. Jahrhundert nordamerikanische und englische Jäger die Inseln zunächst nur als Zwischenstopp, um Nahrung und Wasser zu bunkern oder auch Azoreaner anzuheuern, die für ihr seefahrerisches Geschick bekannt sind.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts steigen die Inselbewohner selbst in das Geschäft mit den Walen ein und entwickeln schnell eigene und erfolgreiche Jagdmethoden. Zu ihnen gehören ein ausgeklügeltes Beobachtungssystem entlang der Küste, speziell entwickelte Holzboote, zwei 600 lange Leinen und eine Crew mutiger Seeleute. Die Azoreaner sind durchaus erfolgreiche Jäger, trotzdem bleiben sie ihrem ursprünglichen Beruf als Fischer, Bauern oder Handwerker treu – Walfänger sind sie immer nur vorübergehend.
ZDFAuch mit Whale watching lässt sich Geld verdienen.Mitte der 1980er Jahre endet ihr Dasein als Nebenerwerbsjäger, das weltweite Walfangverbot greift auch auf den Azoren. Da die Inselbewohner nie allein von den Walen gelebt haben, trifft sie das Moratorium nicht allzu sehr – zumal sie schnell gelernt haben, ihre Jagd-Erfahrungen anderweitig einzusetzen: Statt Harpuniere befördern sie nun eben Touristen in die Nähe der Meeressäuger. Ein durchaus einträgliches Geschäft, denn etwa drei Stunden Whale-Watching immerhin zwischen 50 und 60 Euro pro Person.

Trotzdem boomt der Beobachtungs-Tourismus, und es stellt sich die Frage, was denn die Wale davon halten, ständig von Motorbooten und klickenden Kameras umgeben zu sein. Tierschützern ist klar, dass Wale – anders als Delfine, die sich durchaus Menschen gegenüber zutraulich zeigen können – keinen dauerhaften Belästigungen ausgesetzt sein dürfen. Daher haben sich die azoreanischen Wal-Beobachter, wie viele ihrer Kollegen weltweit, verpflichtet, einen Mindestabstand zu den Tieren von 50 Metern einzuhalten und sich nur eine begrenzte lang in der Nähe der Wale aufzuhalten.

Offenbar genießen die Meeressäuger diese Rücksichtnahme, denn sie fühlen sich so sicher, dass sogar an der Wasseroberfläche schmusende Pottwalpärchen beobachtet werden können sowie das für Biologen sicherste Zeichen von Wohlbehagen: die stolze Präsentation der Schwanzflosse beim Abtauchen.

Die Harmonie am Rasthaus Azoren wird auch durch Meeresbiologen der hiesigen Universität nicht nachhaltig gestört. Sie sind nämlich auf den Azoren die einzigen, die mit Waffen auf die Wale schießen dürfen – natürlich ohne ihnen zu schaden und ausschließlich aus wissenschaftlichen Gründen. Sie versuchen Blauwale mit Sendern zu versehen, um mehr über deren Routen durch die Weltmeere zu erfahren.

Dies ist nämlich immer noch eines der großen Geheimnisse der Ozeanriesen. Man weiß zwar, wo ihre Hauptfutterplätze liegen, wo sie ihre Kinder zeugen und zur Welt bringen. Aber wie sie zu diesen weit auseinander liegenden Orten gelangen, entzieht sich immer noch der Kenntnis der Wissenschaftler. Ein kleiner Wink in Richtung der japanischen Walfangflotte: Walforschung auf den Azoren – ganz ohne Fangen und Schlachten!

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